„Jemand, der eine Krise durchlebt und meistert, befreit sich allmählich von Abhängigkeiten und ist weniger anfällig für Alltagsfaschismus. Denn irgendwann kommt jeder einmal zu dem Punkt, wo sich die Frage nach Glaube, Religion und Tod stellt und man sich die Welt jeden Tag neu gestaltet“, erklärt der Salzburger Künstler Reinhold Tritscher. Gerade diese Fähigkeit, Träume, Sehnsüchte, Außenwahrnehmungen ins „reale“ Leben zu transportieren, macht diese Grenzgänger zu sensiblen Künstlern. Ein Potential, das im fünfteiligen „Wahnsinnsprojekt“ des Theater ecce eine enorme Rolle spielt. Unter dem Titel „Phantasten, Phantasien, Phantasmagorien/Irrfahrten und Träume des kleinen Mannes“ werden im Laufe der nächsten Monate verschiedene künstlerische Veranstaltungen mit, über und von „Verrückten“ an verschiedenen Spielstätten realisiert. Reinhold Tritscher versucht in seiner Theaterarbeit Kunst und Sozialbereich zu verbinden. Immer geht es ihm um die Erforschung von seelischen Zuständen.
So befanden sich auch die Hauptfiguren in seinem Vorjahreserfolg „Das Leben ist ein Traum“ im Theaterzelt im Volksgarten auf einer intensiven Suche nach ihrer Identität, ihrer eigenen Geschichte. Besetzt war das Theaterprojekt mit behinderten und nicht behinderten SchauspielerInnen. Im Laufe seiner künstlerischen Tätigkeit hat Reinhold Tritscher mit der Christian Doppler Klinik in Salzburg, mit dem Gehörlosentheaterprojekt der Gesellschaft ARBOS, zahlreichen Schulen und sozialen Einrichtungen zusammengearbeitet.
Das aktuelle „Wahnsinnsprojekt teilt sich in fünf Phasen:
Phase 1: Den Auftakt macht „Der Traum eines lächerlichen Menschen“ von Fjodor Michailowitsch Dostojewskij am 13. September im Literaturhaus. In diesem Ein-Personen-Stück zieht ein totaler Egoist ein irres Gedankengebäude einem Leben in Gemeinschaft vor. Irgendwann jedoch setzt dieser heilige Narr den ersten Schritt, sozial zu handeln - ein Schritt, der große Auswirkungen hat. „‘Liebe Deinen Nächste wie Dich selbst‘, steht bereits in der Bibel geschrieben. Man darf ja fast nicht sagen, dass dies ein moralisches Gebot ist,“ meine Reinhold Tritscher über die Anlage des Stückes.
Phase 2: Am Nationalfeiertag ist ein Happening mit Salzburger KünstlerInnen geplant, das sich mit der „Rede an den kleinen Mann“ (Wilhelm Reich) an genau jenen richten möchte.
Phase 3: Im Dezember sollen Teile eines Theaterworkshops, der seit April von KlientInnen verschiedener psychosozialer Einrichtungen besucht wird, in Form von Alltagsminiaturen vorgestellt werden.
Phase 4: Gemäß dem Motto von Jean Dubuffet „Er gibt keine Kunst von Geisteskranken, genausowenig wie es eine Kunst von Knie- oder Magenkranken gibt“ findet anlässlich einer Ausstellung „der anderen Art“ - Resultate des „Kreativprogramms“ in der Sozialpsychiatrischen Tagesklinik - im Jänner im Brunauerzentrum eine Lesung mit Texten von „psychiatrieerfahrenen“ AutorInnen statt.
Phase 5: Den Abschluss der fünfteiligen Serie bildet ein Theaterstück einer Salzburger Autorin, die sich seit über vierzig Jahren mit der Seele des „kleinen Mannes“ auseinandersetzt.
Michaela Gründler