Reinhold Tritscher minimiert bei seinen Aufführungen seit jeher Bühnenbild und Requisiten, um maximalen Raum zu schaffen für das jeweilige Stück und seine Akteure. So lenkte auch beim „Traum eines lächerlichen Menschen“ kein unnötiges „Drumherum“ ab vom Wesentlichen, den zum Ausdruck gebrachten Worten, die eine Geschichte nachvollziehbar werden lassen. Dostojewskij hat die Suche nach Lebensidealen und die Weltansichten des „kleinen Mannes“ zum Thema seiner Erzählung gemacht. Mehr als 120 Jahre nach dem Tod des Autors sind seine Zweifel an der Wissenschaft und die Sehnsucht nach Liebe und Sündenerlösung aktueller denn je. Wie aktuell seine Antworten sind, die er in einem unkirchlichen Christenrum mit gelebter Nächstenliebe fand, wird jeder für sich alleine klären müssen.

Träumende erkennen die Wahrheit

In der Rolle des „lächerlichen Menschen“ verfügt Reinhold Tritscher über einen von vier Stangen begrenzten Spielraum, der mit Spiegel und Rasierzeug, Waschschüssel, Handtuch und einem Mopp ausgestattet ist. Die Gedanken, denen der Mann dort beim Rasieren und Füßewaschen nachhängt, offenbaren seinen Werdegang, die inneren Zwänge, aber auch Sehnsüchte und Hoffnungen. Schuldig ist er geworden, weil er einem kleinen Mädchen die Hilfe verweigert hat. Außerdem ist der für den gleichen Tag geplante Selbstmord gescheitert, weil der Lächerliche beim Warten auf den richtigen Zeitpunkt eingeschlafen ist und ein Traumerlebnis ihn gefangen nahm. Träumend gelangte er in eine andere Welt, wo heitere, schöne Menschen im Einklang mit den Pflanzen und Tieren lebten und keine schlechten Eigenschaften oder Sünden kannten. „Mag es ein Traum gewesen sein, aber es ist unmöglich, dass er nicht gewesen sein sollte“, beharrt der Erzähler. Doch dann hat sich im Traum die schreckliche Wahrheit zugetragen, dass allein seine Ankunft die Menschen verdarb und Egoismus, Habsucht und Lüge Einzug hielten und die Wissenschaft wie ein Gott verehrt wurde. Schließlich ist die Wirklichkeit im Traum identisch mit den Zuständen auf der Erde: „Als sie böse geworden waren, begannen sie von Humanität zu reden“. Der Träumende ist darüber so entsetzt, dass er sogar bereit ist, mit seinem Leben für die Rettung der Menschen zu zahlen, doch: „Im Sterben erwachte ich“. Am Ende ärgert er sich nicht mehr über seine Lächerlichkeit und bedauert statt dessen die Menschen, weil sie die Wahrheit nicht erkennen. Die Geschichte als solche wäre als Unterhaltungsstoff für eine ganzen Abend wahrscheinlich nicht spannend genug. Das Schauspiel war es in hohem Maße. Wie Reinhold Tritscher die menschlichen Abgründe und Höhenflüge, die Begrenzungen und grenzenlosen Hoffnungsschimmer darstellte war atemberaubend fesselnd. Worte verlieren die Macht, wenn Betrachtungsweisen auf diese Art und Weise „verrückt“ werden. Die choreografischen Ratschläge des Akrobaten Ulf Kirschhofer, die künstlerische Begleitung von Gerard Es und das Kostüm von Margret Litzlbauer verleihen dem gekonnten Auftritt seinen letzten Schliff.

Die Grenzen der Normalität anzweifeln

Für das Theater ecce ist der „Traum eines lächerlichen Menschen“ der Auftakt eines mehrteiligen Projektes, das durch verständnisvolle Wahrnehmungen jenseits der so genannten „Normalität“ Brücken zu den „Außenseitern“ schlagen möchte. Am Österreichischen Nationalfeiertag folgt eine szenische Lesung der „Rede an den kleinen Mann“ nach einem Text von Wilhelm Reich, in dem es unter anderem heißt: „Das Kind und der Schutz des Lebendigen im Kinde bilden die einzige Hoffnung, die uns übrigbleibt. Es gibt für den Erzieher und Arzt nur eine Loyalität: die zum Lebendigen im Kinde und zum Kranken.“ Im Dezember präsentieren KlientInnen verschiedener psychologischer Einrichtungen mir skurril-komischen Alltagsminiaturen das Ergebnis ihres Theaterworkshops. Danach stellen „psychiatrieerfahrene“ Autoren und Maler ihre Werke der Öffentlichkeit vor. Den Anlass bietet die Ausstellung „der anderen Art“ im Brunauerzentrum. Als vorläufiger Abschluss der Veranstaltungsreihe ist ein Stück der Salzburger Autorin M. G. Hoffmann geplant. Es heißt „Blasius oder Man soll die Norm erfüllen, selbst wenn man daran sterben müsste“ und behandelt den Leidensweg eines vergeblich um seine Selbstbestimmung ringenden Kindes. Dass das von Fantasie, Kreativität und Humor getragene Ringen zum „Verrücken“ starr gewordener Blickwinkel nicht vergebens sein möge, ist dem Theater ecce zu wünschen. Hoffend ein Lächeln in die Welt zu setzen, kann den Menschen nur gut tun. I.CH.

Reinhold Tritscher vom Theater ecce setzt sich dafür ein, dass Künstler, Philosophen und Religionen miteinander kommunizieren, damit die grundlegenden Entscheidungen über den Einsatz der technischen Möglichkeiten unseres Jahrhunderts zum Wohl der Menschheit getroffen werden.
 

Der Traum....Text 1